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Paris, 18. Januar 2022 – Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich der Preisanstieg in den USA zum Gesprächsthema Nummer 1 zwischen den wichtigsten Wirtschaftsakteuren entwickelt. Zuerst bestimmte er die Gespräche in den Büros der Fed, dann innerhalb der Konferenzräume der Unternehmensvorstände und mittlerweile sogar in den Wohnzimmern der amerikanischen Bürger. Völlig zurecht, denn der US-Verbraucherpreisindex zeigt – als eine der wenigen für das Gesamtjahr 2021 bereits verfügbaren Hauptkennzahlen – ein Plus von 7,1 % gegenüber 1,3 % im Vorjahr. Das ist der stärkste Anstieg seit knapp 30 Jahren und gleichzeitig der schnellste Anstieg innerhalb eines Jahres seit fast 40 Jahren! Eine derart drastische Veränderung geht zwangsläufig mit Kollateralschäden oder -nutzen einher.

Die Rechnung geht nicht auf – reale Kaufkraft verringert sich

Für die US-Arbeitnehmer ist es ein Schock. Denn trotz des Anstiegs ihrer Wochenlöhne um 4,7 %, von dem viele Europäer nur träumen können, geht die Rechnung nicht auf. Da sich der durchschnittliche Warenkorb um 7,1 % verteuerte, verringert sich die Kaufkraft der US-Bürger in realen Zahlen um 2,4 %. Für Studenten und Rentner ist der Befund sogar noch bitterer.

Auch wenn die Fed diese Teuerung anfangs als „vorübergehend“ bezeichnete, musste sie sich letztendlich fügen und diese ungeschickte Formulierung aufgeben, um sich gemäß ihrem Mandat mit der direkten Bekämpfung dieses Phänomens zu befassen. Sie plant daher, ihre Zinssätze in diesem Jahr ab März vier Mal anzuheben und das Wertpapierkaufprogramm schrittweise zu beenden. Einige ihrer Mitglieder gehen bereits von fünf Zinsanhebungen für 2022 aus – ein Zeichen für die Dringlichkeit der Situation.

Droht nun eine Lohn-Preis-Spirale?

Zwar betrifft die Inflation in hohem Maße die Kostenbasis der Unternehmen, da die Erzeugerpreise 2021 um 9,7 % gestiegen sind. Dies stellte für einen außergewöhnlichen Gewinnjahrgang jedoch kein Hindernis dar. Im Vorfeld der Bekanntgabe der endgültigen Ergebnisse für das vierte Quartal in den kommenden Wochen geht der Konsens von einem Umsatzwachstum von 12,5 % für die Unternehmen des S&P 500 aus – also höher als der Anstieg der Inputpreise. Die Erträge dürften mit einem erwarteten Wachstum von 48,7 % förmlich durch die Decke gehen und die Indexunternehmen somit vorläufig zu den großen Gewinnern der Inflation machen. Mit so vielen verfügbaren Mitteln können die Unternehmen nun nach Belieben investieren, strategische Übernahmen für die Zukunftsplanung ins Auge fassen oder ihre Aktionäre mit Dividendenausschüttungen oder Aktienrückkäufen vergüten.

Bisher scheint sich eine Gewinn-Preis-Spirale gedreht zu haben. Doch die Inflation könnte sich als nachhaltiger erweisen und durch einen weiterhin angespannten Immobilienmarkt oder eine neue Coronavirus-Welle angetrieben werden, die China als Herzstück der weltweiten Produktion lahmlegt. Vor allem könnte sie sich durch einen Anstieg der Löhne selbst befeuern, da Lohnverhandlungen in einem von Arbeitskräftemangel geprägten Umfeld mit mehr Härte geführt werden. Anders gesagt: Nach einer Gewinn-Preis-Spirale könnte nun eine Lohn-Preis-Spirale drohen.

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE